Monatsarchiv: Juli 2012

Erlebnisse und Erfahrungen mit den Gastfamilien:

Die Morgensonne fing an, durch die Wolken zu blitzen, als sie zum ersten Mal brasilianischen Boden betraten. Vom langen Flug schmerzten ihnen noch die Glieder doch der Anblick der Palmen vor der goldenen Sonne liess sie alle Strapazen des Fluges vergessen.
Während sie mit ihrer Gruppe auf halsbrecherische Art und Weise durch Sao Paulo fuhren, ahnten die beiden bereits, dass ihnen eine genial Zeit bevorstehen wuerde.

“Porque no come la mussarella?”
“No se.”
“No le gusta?”
Friederike verstand kein Wort und warf Isabelle einen fragenden Blick zu, in der Hoffnung, diese hätte aufgrund ihrer Spanischkenntnisse einige Wortfetzen  verstanden, was allerdings nicht der Fall war. Als nach einer halben Stunde die heisse Diskussion noch immer zu keinem Ende gekommen war, und mittlerweile offensichtlich war, dass die Familie über die völlig überforderte Friederike sprach, der nichts anderes übrigblieb, als mit grossen Augen am Tisch zu sitzen, mischte sich Isabelle in das Gespraech ein, um Klarheit in die Sache zu bringen. Trotz anfänglicher Kommunikationsschwierigkeiten brachte sie nach und nach in Erfahrung, dass die Familie ahnte, dass Friederike Vegetarierin war. Das Unverständnis, auf das man hier stiess, war enorm, den dieses Phänomen hatte die Familie noch nie erlebt.
Die Klarheit, die nun geschaffen worden war führte sofort zur nächsten Diskussionsrunde über. Die Mutter war völlig ueberfordert mit der Frage, was sie den beiden Gästen den nun auftischen sollte.
Victor und Vinicius, die beiden extreme ungleichen Zwillinge erstellten gedanklich eine Liste aller in frage kommenden Nahrungsmittel auf, was ein weiteres grosses Problem in die Runde warf. Wo hörte das Vegetarierleben auf? Ass sie auch Eier oder nur kein Fleisch? Nein, nur kein Fisch und Fleisch, übersetzte Isabelle.
“No peix?”
Die Tatsache, dass Friederike jegliche Form von Meeresgetier ablehnte, löste ein noch grösseres Entsetzen am Tisch aus. Das Chaos hatte nun seinen Höchststand erreicht.
Nachdem sich die Aufruhr etwas gelegt hatte, versuchte Isabelle wieder, ein Gespraech aufzunehmen.
Nach langer Zeit gelangten sie zu dem Schluss, bei jedem Nahrungsmittel, das auch nur ansatzweise mit Tieren zu tun hatte, also aus oder von ihnen produziert wurde, mehrmals nachzufragen, ob dieses für Friederike auch wirklich geniessbar war.

Diese Art von Diskussionen entstanden im Laufe der Woche in regelmässigen Abständen, egal ob es um die Tatsache, dass Friederike und Isabelle weder Sojamilch noch Zucker im Kaffee mochten oder lieber barfuss als mit Flip-Flops duschen wollten, ging.
Doch trotz dieser kleinen Missverständnisse, die ab und zu auftauchten, hatten die beiden sehr grosses Glück mit ihrer Familie, von der sie fast täglich mit Geschenken in Form von Hüten, T- Shirts oder Tortas holandesas überrascht wurden und die versuchte, ihnen den Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu gestalten.
Ein prägender Moment war gewiss auch der Hausmusikabend, bei dem Freunde der Familie, unter anderen auch der frühre Geigenlehrer von Vinicius, der in einem sehr bekannten Orchester mitspielte, zu Besuch kamen, um gemeinsam zu musizieren und in Form von Solostücken ihr Können zu demonstrieren. Zu ihrem grossen Entsetzen wurden sie ebenfalls aufgefordert, die Stuecke, an denen sie momentan arbeiteten, vorzuspielen, auch wenn die Qualität dieser Vorspiele teilweise zu wünschen übrig lies. Dennoch wurde es ein sehr lustiger Abend, nachdem zusammen im Sextett unter der Begleitung ihres Vaters an der Heimorgel deutsche Weihnachtslieder gespielt wurden, was den Brasilianern allerdings nicht bewusst war.
Es sollte jedoch nicht bei dem einen schönen Abend bleiben. Denn jeden darauffolgenden wurde etwas unternommen, was trotz aller Kommunikationsschwierigkeiten und kulturellen Differenzen dazu führte, dass sie sich alle unglaublich lieb gewannen und über alles gemeinsam lachen konnten, selbst übr groesste Peinlichkeiten und Ausrutscher.
Sie alle blickten voller Wehmut dem nahenden Ende dieser Woche entgegen, das viel zu schnell gekommen war. Doch alle würden auf eine geniale Zeit voller wunderbarer Erinnerungen zurückblicken und hofften, sich eine Tages wieder einmal begegnen zu koennen.
Muito obrigado pelo o grande momento e nós levaremos muitos presentes do Brasil e esperamos ver vocês em breve!!!

– Friederike, Isabelle”

Unser sechster Tag in Brasilien:

Im Tagesablaufplan war für diesen Tag eine Gesprächsrunde beziehungsweise ein “runder Tisch” angekündigt, und wir hatten uns schon Tage vorher gefragt, was da wohl auf uns zukommen würde. Zwei kleine runde Tische waren tatsächlich aufgestellt, dort sassen unsere Begleitpersonen, der Dirigent des brasilianischen Orchesters, der Komponist Villani-Cortes und einige Lehrer und Verantwortliche der brasilianischen Musikschule. Nachdem sich sowohl die Brasilianer als auch wir auf Bänke vor den Tischen gesetzt hatten, begann ein Gesprächsrunde über die “fundacio das artes” und über die Stuttgarter Musikschule. Felipe Valerio übersetzte und wir erfuhren, dass in Brasilien Kinder von fünf bis zwölf Jahren an einer musikalischen Erstausbildung teilnehmen und ab zwoelf anfangen, ein Instrument zu erlernen. Dazu nehmen sie weiter an Theorieunterricht teil. Neben Musik kann man dort auch Tanz oder bildende Kunst lernen. Es bietet sich auch die Möglichkeit, eine Berufsausbildung im Bereich Musik zu machen. Herr Villani-Cortes sagte nicht viel, improvisierte aber dafür für uns am Klavier.
Danach begann die Praesentation der brasilianischen Stücke, die wir in den Workshops gelernt hatten und einige Brasilianer spielten etwas vor, dass sie in den Meisterkursen geprobt hatten.
Am Nachmittag fuhren wir in den Theatersaal, indem das erste Konzert stattgefunden hatte und probten dort zusammen mit dem brasilianischen Orchester fuer das Konzert am naechsten Tag.

Unser fünfter Tag in Brasilien:

Tico Tico !!

Tico Tico !!

An diesem Tag fand unser Probenbesuch bei São Paulos Profiorchester, beim OSESP (Orquestra Sinfonica do Estado de São Paulo) statt. Zusammen mit den brasilianischen Orchestermitgleidern waren wir eingeladen, morgens eine komplette Generalprobe zu besuchen. Der Dirigent musste nur sehr wenig korrigieren, deswegen konnten wir die Stücke alle am Stück hören. Auf dem Programm stand Musik von Charles Ives, John Adams sowie Benjamin Bitten und die sechste Sinfonie von Schostakovich. Die Qualität des Orchesters ist mit der deutscher Rundfunkorchester mehr als vergleichbar, es gilt als das beste Orchester Brasiliens. Wir waren von der Konzentration und Professionalität während der ganzen Probe schwer beeindruckt. Dazu trug auch das Ambiente des alten Kozerthauses bei, das eine Mischung aus Kolonialstil und viktorianischem Palast darstellte – ein grosser Unterschied zu dem ansonsten doch recht spartanischen und urbanen São Paulo. Den Abschluss des Tages bildete unser erstes Konzert, dass wir vor begeisterter Menge mit zwei Zugaben beendeten.

Marcus Caratelli, Klavier


Sala São Paulo

Sala São Paulo

Unser vierter Tag in Brasilien:

Im Tagesablauf unterschied sich dieser Tag nicht wesentlich von den beiden Vortagen. Nachdem wir die Workshops besucht und den obligatorischen Reis mit Bohnen gegessen hatten, probten wir erst allein und dann mit dem brasilianischen Orchester zusammen.
Unsere Proben wurden immer wieder durch vorbeifahrende Autos gestoert, die den Wahlkampf in Sao Caetano betreiben: Ungefaehr alle zwei Minuten kommt ein kleiner Bus vorbei, der einen Lautsprecher auf dem Dach hat, woraus die Wahlkandidaten mithilfe von Liedern gepriesen werden. Dazu stehen noch Leute mit grossen Fahnen in der Hand an Strassenkreuzungen.
Am Nachmittag konnten wir feststellen, dass es in Sao Paulo durchaus auch kalt sein kann (zumindest wenn man nichtsahnend kurze Hosen und Flip-Flops traegt) und dass es hier auch ab und zu regnet.

Erlebnisse und Erfahrungen aus den Gastfamilien:

Auch wir sind bei sehr einem musikalischen Paar gelandet: Während unsere Gastgeberin Juliana Musiklehrerin ist, spielt ihr Freund in einem Profi-Orchester Bratsche. Beide wohnen zusammen in einer relativ grossen Wohnung im obersten Stock eines elfgeschossigen Hauses und wenn man aus dem Fenster schaut, hat man einen wunderbaren Blick auf die (leider eher hässlichen Häuser von Sao Paulo. Obwohl Juliana relativ gut Deutsch spricht, ist es nicht einfach, sich mit den beiden zu verständigen: Während Juliana Deutsch, aber kein Englisch kann, ist es bei ihrem Freund genau umgekehrt. Wenn wir also mit einem der Beiden reden, versteht der andere kein Wort. Dennoch ist es immer sehr interessant, mit ihnen zu erzählen. So haben wir zum Beispiel erfahren, dass einige Brasilianer Avocados nicht salzig sondern mit Zucker essen, was wir auch sofort ausprobiert haben, als es nach dem Abendessen Avocados gab. (Es schmeckt gar nicht mal so schlecht!) Für uns war es sehr erstaunlich, dass es hier zu jedem Abendessen (auch zu Lasagne) Reis zu essen gibt. Trotzdem haben wir schon viel probiert, das wir von zuhause gar nicht kennen, beispielsweise Guave, eine Frucht, die wie eine Mischung aus Maracuja und Hagebutte schmeckt, und typisch brasilianisch ist.

- Klara Lünser, Klarinette