Erlebnisse und Erfahrungen mit den Gastfamilien:

Die Morgensonne fing an, durch die Wolken zu blitzen, als sie zum ersten Mal brasilianischen Boden betraten. Vom langen Flug schmerzten ihnen noch die Glieder doch der Anblick der Palmen vor der goldenen Sonne liess sie alle Strapazen des Fluges vergessen.
Während sie mit ihrer Gruppe auf halsbrecherische Art und Weise durch Sao Paulo fuhren, ahnten die beiden bereits, dass ihnen eine genial Zeit bevorstehen wuerde.

“Porque no come la mussarella?”
“No se.”
“No le gusta?”
Friederike verstand kein Wort und warf Isabelle einen fragenden Blick zu, in der Hoffnung, diese hätte aufgrund ihrer Spanischkenntnisse einige Wortfetzen  verstanden, was allerdings nicht der Fall war. Als nach einer halben Stunde die heisse Diskussion noch immer zu keinem Ende gekommen war, und mittlerweile offensichtlich war, dass die Familie über die völlig überforderte Friederike sprach, der nichts anderes übrigblieb, als mit grossen Augen am Tisch zu sitzen, mischte sich Isabelle in das Gespraech ein, um Klarheit in die Sache zu bringen. Trotz anfänglicher Kommunikationsschwierigkeiten brachte sie nach und nach in Erfahrung, dass die Familie ahnte, dass Friederike Vegetarierin war. Das Unverständnis, auf das man hier stiess, war enorm, den dieses Phänomen hatte die Familie noch nie erlebt.
Die Klarheit, die nun geschaffen worden war führte sofort zur nächsten Diskussionsrunde über. Die Mutter war völlig ueberfordert mit der Frage, was sie den beiden Gästen den nun auftischen sollte.
Victor und Vinicius, die beiden extreme ungleichen Zwillinge erstellten gedanklich eine Liste aller in frage kommenden Nahrungsmittel auf, was ein weiteres grosses Problem in die Runde warf. Wo hörte das Vegetarierleben auf? Ass sie auch Eier oder nur kein Fleisch? Nein, nur kein Fisch und Fleisch, übersetzte Isabelle.
“No peix?”
Die Tatsache, dass Friederike jegliche Form von Meeresgetier ablehnte, löste ein noch grösseres Entsetzen am Tisch aus. Das Chaos hatte nun seinen Höchststand erreicht.
Nachdem sich die Aufruhr etwas gelegt hatte, versuchte Isabelle wieder, ein Gespraech aufzunehmen.
Nach langer Zeit gelangten sie zu dem Schluss, bei jedem Nahrungsmittel, das auch nur ansatzweise mit Tieren zu tun hatte, also aus oder von ihnen produziert wurde, mehrmals nachzufragen, ob dieses für Friederike auch wirklich geniessbar war.

Diese Art von Diskussionen entstanden im Laufe der Woche in regelmässigen Abständen, egal ob es um die Tatsache, dass Friederike und Isabelle weder Sojamilch noch Zucker im Kaffee mochten oder lieber barfuss als mit Flip-Flops duschen wollten, ging.
Doch trotz dieser kleinen Missverständnisse, die ab und zu auftauchten, hatten die beiden sehr grosses Glück mit ihrer Familie, von der sie fast täglich mit Geschenken in Form von Hüten, T- Shirts oder Tortas holandesas überrascht wurden und die versuchte, ihnen den Aufenthalt so angenehm wie nur möglich zu gestalten.
Ein prägender Moment war gewiss auch der Hausmusikabend, bei dem Freunde der Familie, unter anderen auch der frühre Geigenlehrer von Vinicius, der in einem sehr bekannten Orchester mitspielte, zu Besuch kamen, um gemeinsam zu musizieren und in Form von Solostücken ihr Können zu demonstrieren. Zu ihrem grossen Entsetzen wurden sie ebenfalls aufgefordert, die Stuecke, an denen sie momentan arbeiteten, vorzuspielen, auch wenn die Qualität dieser Vorspiele teilweise zu wünschen übrig lies. Dennoch wurde es ein sehr lustiger Abend, nachdem zusammen im Sextett unter der Begleitung ihres Vaters an der Heimorgel deutsche Weihnachtslieder gespielt wurden, was den Brasilianern allerdings nicht bewusst war.
Es sollte jedoch nicht bei dem einen schönen Abend bleiben. Denn jeden darauffolgenden wurde etwas unternommen, was trotz aller Kommunikationsschwierigkeiten und kulturellen Differenzen dazu führte, dass sie sich alle unglaublich lieb gewannen und über alles gemeinsam lachen konnten, selbst übr groesste Peinlichkeiten und Ausrutscher.
Sie alle blickten voller Wehmut dem nahenden Ende dieser Woche entgegen, das viel zu schnell gekommen war. Doch alle würden auf eine geniale Zeit voller wunderbarer Erinnerungen zurückblicken und hofften, sich eine Tages wieder einmal begegnen zu koennen.
Muito obrigado pelo o grande momento e nós levaremos muitos presentes do Brasil e esperamos ver vocês em breve!!!

– Friederike, Isabelle”