Leerstand trotz Wohnungsknappheit
Leerstand trotz Wohnungsknappheit, Foto: pixabay

In Stuttgart fehlt bezahlbarer Wohnraum – gleichzeitig stehen mehr als 11.000 Wohnungen leer. Eine Analyse des Statistischen Amts zeigt: Der Handlungsbedarf ist groß. Während Tausende Familien auf eine Wohnung warten, bleiben viele Einheiten ungenutzt. Die Stadt steht unter Druck, effektiver gegen den Leerstand vorzugehen.

Inhaltsverzeichnis:

Mehr als 6.000 Wohnungen länger als ein halbes Jahr leer

Laut den aktuellen Daten des Statistischen Amts Stuttgart stehen 11.152 Wohnungen leer. Davon sind 6.100 seit über sechs Monaten unbewohnt. Damit fallen sie unter das sogenannte Zweckentfremdungsverbot, das in Stuttgart seit 2016 gilt. Dieses Gesetz untersagt es, Wohnraum ohne triftigen Grund über ein halbes Jahr hinweg leer stehen zu lassen.

Rolf Gaßmann, Vorsitzender des Stuttgarter Mietervereins, hebt hervor, dass diese Zahl der Bauleistung von sechs Jahren entspricht. Er vergleicht: 6.100 leerstehende Wohnungen würden dem jährlichen Neubauziel von 1.800 bis 2.000 Einheiten deutlich vorausgreifen. Stuttgart hätte also allein durch Reaktivierung vorhandener Immobilien einen wesentlichen Beitrag zur Linderung der Wohnungsnot leisten können.

Frank Nopper und das nicht erreichte Neubauziel

Frank Nopper (CDU), seit 2020 Oberbürgermeister von Stuttgart, trat mit dem Versprechen an, die Wohnbauzahlen seines Vorgängers Fritz Kuhn (Grüne) zu übertreffen. Kuhn hatte das Ziel von 1.800 neuen Wohnungen jährlich gesetzt. Nopper wollte mindestens 2.000 Einheiten pro Jahr schaffen. Tatsächlich wurde dieses Ziel bisher nicht erreicht.

Ein wesentlicher Grund dafür sind die hohen Baukosten und die angespannte Haushaltslage der Stadt. Kommunen im ganzen Land stehen unter finanziellem Druck. Neubauten bleiben hinter den Erwartungen zurück. Die Stadtverwaltung betont jedoch, dass sie bereits Maßnahmen ergriffen habe, um leerstehende Wohnungen zurück auf den Markt zu bringen.

Maßnahmen der Stadt - wenig Bußgelder, hoher Aufwand

Bislang wurden nur rund 30.000 Euro an Bußgeldern wegen Zweckentfremdung verhängt. Die Stadt erklärt, dass Bußgelder als letztes Mittel eingesetzt würden. Stattdessen werde auf Beratung und Aufklärung der Eigentümerinnen und Eigentümer gesetzt. Bisher seien durch dieses Vorgehen rund 400 Wohnungen wieder aktiviert worden.

Gaßmann kritisiert, dass die Stadt vorhandene Mittel nicht konsequent nutze. Das Baurechtsamt verfüge lediglich über zwei Stellen zur Verfolgung von Leerstand. Jede Meldung müsse individuell geprüft werden. Der Mieterverein fordert mehr Personal, konsequente Sanktionen und regelmäßige Informationen im Amtsblatt über die Meldepflichten. In anderen Städten wie Berlin und Hamburg, wo ebenfalls ein Zweckentfremdungsverbot gilt, sei die Leerstandsquote deutlich geringer.

Probleme beim Neubau und hohe Mietpreise verschärfen Situation

Neben dem Leerstand sind auch zu geringe Neubautätigkeit und hohe Mieten zentrale Faktoren der Wohnungsnot in Stuttgart. Eine Untersuchung von 2023 ergab: 71 Prozent der Menschen, die Stuttgart verlassen, tun dies wegen fehlendem bezahlbarem Wohnraum. Die Bauwirtschaft Baden-Württemberg machte im März 2024 in einer Demonstration in Stuttgart auf diesen Missstand aufmerksam.

Die Stadt betont, dass nicht jede leerstehende Wohnung als zweckentfremdet gilt. Gründe für Leerstand können sein:

  • Sanierung
  • baurechtliche Mängel
  • Abrissvorhaben
  • Eigentümerwechsel
  • Betriebs- oder Hausmeisterwohnungen
  • vorübergehende Nutzung als Ferien- oder Monteurswohnungen

Laut Stadtverwaltung lag die Leerstandsquote im Jahr 2024 bei 3,5 Prozent – ein leichter Rückgang seit 2011. 4.200 Wohnungen standen über ein Jahr leer, rund 50 Prozent der Wohnungen wurden jedoch laut Eigentümerangaben innerhalb von drei Monaten nach Erhebung wieder bezogen.

Vergleich mit anderen Städten zeigt Handlungsbedarf

Berlin und Hamburg verzeichnen mit ähnlichen gesetzlichen Regelungen nur halb so viele Leerstände wie Stuttgart. Das legt nahe, dass konsequenteres Handeln möglich ist. Der Mieterverein fordert daher eine Ausweitung der Kontrollen, eine bessere Bewerbung der Meldepflicht und konsequentere Anwendung von Sanktionen.

Auch wenn Stuttgart auf rechtliche Ausnahmen verweist, zeigt die Datenlage klar: Der vorhandene Wohnraum könnte stärker genutzt werden. Die Kombination aus Wohnungsleerstand, ausbleibendem Neubau und steigenden Mietpreisen gefährdet zunehmend die soziale Durchmischung der Stadt und behindert die Anwerbung dringend benötigter Fachkräfte.

Die nächsten Entscheidungen des Gemeinderats werden zeigen, ob die Stadt entschlossener gegen den Leerstand vorgehen will – oder ob sich die Wohnungsnot weiter verschärft.

Quelle: SWR